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Lesetipp:
Wiedergelesen: Armor – Land am Meer
Marcus Braun: Armor. Roman Suhrkamp 2007
Ein junges Paar fährt ans Meer, in einem roten Alfa, schon etwas älter. Sie sind jung, etwas unsicher, geben sich leicht zynisch und abgeklärt, haben aber insgeheim das Herz voller Romantik. Sie spielen Spiele, sie necken sich, sagen sich viel Ironisches, über das Fernsehprogramm, über sich selbst ...
Ein Steinschlag, ein Stein von einer Brücke, vielleicht geworfen?, zwingt sie zum Stoppen. Die Windschutzscheibe ist gesplittert, das nächste Dorf ein bretonisches Kaff, aber mit Mechaniker. Eine junge Frau, Isabell, kommt vorbei, schleppt sie ab, nimmt sie mit, bietet ihnen ein Zimmer bei sich und ihrem Mann, Jacques, an. Jacques ist bereits älter, aber gut aussehend, kräftig, Rotweinliebhaber, dem Leben gewachsen, erfolgreich und ziemlich wohlhabend.
Und dann ist da noch der Mechaniker und das Mädchen Marie, gerade alt genug, interessant zu finden, was sie noch nichts angeht. Klug genug, um die fadenscheinigen Spiele der Erwachsenen zu durchschauen.
Denn die spielen ihre Spiele, alle. Jacques ist hinter Kate her, schließlich gibt sie ihm nach, schreibt Fabien einen Zettel. Isabelle ist mit Jacques verheiratet, war aber eigentlich die Geliebte von dessen Sohn, Arnaud, der ein guter Schwimmer war und an plötzlicher Herzschwäche gestorben ist. Sie hasst Jacques, liefert sich ihm aber dennoch aus. Zugleich verliebt sie sich in Fabien.
Der Mechaniker will von der Welt nichts mehr wissen, je weniger, desto besser.
Die Geschichte nimmt ein mögliches, vielleicht ein unwahrscheinliches Ende, das hier nicht verraten wird.
Die Stimmung dieser Geschichte wird perfekt widergespiegelt von dem Land, in dem sie spielt: der Bretagne, zwischen Dinard und St. Malo.: wild, etwas vom Sturm gezaust, nie lange gutes Wetter, aber auch romantisch, von großartigen Ausblicken und dem unbezwingbaren Meer geprägt, mit der Möglichkeit zu starken, nicht zu beherrschenden Gefühlen. Die Menschen scheitern daran, an ihren Gefühlen und am Meer. Der Titel „Armor“ bedeutet im Keltischen „Land am Meer“, aber natürlich ist die Assoziation an Amor, die Liebe, nicht zufällig, sondern ganz und gar gewollt.
Erzählt wird die Geschichte von Marcus Braun mit einer lakonischen Mischung aus Monolog und Dialog und von einem wissenden Erzähler. Pointilistisch wie manche französischen Autoren es gemacht hätten, gleichsam als Entwurf nur, denn vielleicht hätte die Geschichte auch eine andere sein können, wenig hätte vielleicht gefehlt. Die Figuren scheinen manchmal wie stecken geblieben im Sand.
Ich habe das Buch 2007, also vor fünf Jahren gelesen, und nun, 2012, wiedergelesen. Es hat an Frische und Meisterhaftigkeit nichts verloren. Es ist von starker Wirkung. Kein überflüssiges, kein unpassendes Wort ist in dieser Prosa enthalten. Für einen deutschen Schriftsteller sehr untypisch, denn die Erzählweise ist zu 100 Prozent französisch, so wie die Figuren und die Bretagne selbst.
Hoffentlich schreibt der Autor weitere Bücher. Bis dahin: „Armor“ ist eine Lesereise in die Bretagne wert.